Uttenruthia

Wer oder was sind wir? | Die Geschichte der Uttenruthia

Zeit des Wandels – Die Entstehungszeit der Uttenruthia...

Text aus Zeit des Wandels der Uttenruthia, S.3ff

Studentengeschichte ist – und wird immer nur im Rahmen der jeweiligen Zeitgeschichte zu verstehen sein – denn sie lebt und entwickelt sich aus der Wechselbeziehung.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich studentische Orden herausgebildet – eine Gegenreaktion auf die lose sich aus den Zeiten des 30jährigen Krieges herübergerettete Bindungsform in den Landsmannschaften, die durch Sauf- und Raufgelage und gegenseitige Zwistereien, durch Würfel- und Hasardspiele, durch Rohheit gepaart mit geckenhafter Gelecktheit und ihrem Hochmut im Volke gar nicht mehr geachtet waren.
Diese Studentenorden – die sich bewußt anders als die Landsmannschaften verstanden, unterlagen zunächst in diesem Kampfe, wohl weil sie infolge Geheimnistuerei und ihrer freimauerischen Formalitäten den fernerstehenden Respekt einflößten, selbst aber nie zu durchschlagender oder mitreißender Kraft erstarkten.
Die entscheidende Wende trat erst ein, als sich unter Einfluß und Gedankengut der Befreiungskriege – aus dieser Grundlage Corps und Burschenschaften entwickelten. Diese Bezeichnungen kamen erst später auf, in den Ursprüngen bezeichnete man sich ebenfalls als Landsmannschaft oder "Kränzchen". Ganz entscheidend prägte diese Zeit das Gedankengut des klassischen Idealismus, für die immer noch die Namen Schiller und Goethe stehen. Besonders Schiller – Universitätsprofessor seit 1789 in Jena, war den Studenten quasi hautnah und damit Symbol und Begeisterungsmotivator zugleich. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts – Napoleon hatte gerade seine Herrschaft über ganz Europa ausgedehnt – waren es die Dichter und Denker, die das Volk aufrüttelten und den Anstoß von außen gaben, der die sittliche Wiedergeburt der Studentenschaft herbeiführte. Dieser letzte Anstoß waren die Befreiungskriege. Ernst Moritz Arndt hatte 1806 das Volk zur Besinnung und zur Erhebung aufgerufen, Fichte seine "Reden an die Deutsche Nation", Jahn sein "deutsches Volkstum" propagiert; Theodor Körner, Heinrich von Kleist und Schenkendorf riefen in leidenschaftlichen patriotischen Schriften zum Widerstand und zur Befreiung von der Fremdherrschaft auf – und fanden gerade in der akademischen Jugend begeisterte Aufnahme. Geeint in dem Bewußtsein "daß ein deutsches Volk sei mit einer bestimmten Mission und daß es dieses nur im Zustand der Freiheit erfüllen könne, aber nicht als Volk von Knechten...". Unter allen Ständen des Volkes hatte die studierende Jugend den größten und engagiertesten Anteil an dieser Erhebung. Ein Feld bot sich da, in dem Sinngebung und Ehre ganz anders zu erwerben war als in täglichen Schlägereien. Der erste Freiwillige von 1813 war ein Student. Aus diesem Gedankengut war es 1808 schon zur Gründung eines "Tugendbundes" gekommen und nach dessen – auf Napoleons Veranlassung erfolgten Verbotes zur Konstitution eines "Deutschen Bundes". Dort entstand unter Mitwirkung F.L. Jahns ein Statutenentwurf für eine Burschenschaft, in dem es unter anderem heißt:
§2 Burschenfreiheit:
sich frei und selbständig nach eigentümlicher Weise im Lernen und Leben zum Deutschen Mann zu bilden, ist der Zweck des Besuchens von hohen Schulen und das Kleinod der Burschenfreiheit.
Die heiligste Pflicht des deutschen Studenten und späteren Gelehrten sollte es sein, dereinst im bürgerlichen Leben für Volk und Vaterland, also das gesamte Deutschland kräftig zu wirken, die Bekämpfung der Landsmannschaften wurde zur Pflicht der Burschen erklärt, weil sie die Zersplitterung Deutschlands in Völkchen darstellten und förderten und zudem viele unehrenhafte Mißstände konservierten – aber ebenso wurde gegen die studentischen Orden agiert, weil ihre kosmopolitischen Tendenzen dem patriotischen Schwung der neuen Bewegung zuwiderliefen. Als dann die Erhebung gegen Napoleon kam (17. März 1813), trat Jahn als Offizier in das – fast nur aus Studenten bestehende – Lützowsche Corps ein und hatte so Gelegenheit, für seine burschenschaftlichen Ideen Begeisterung zu wecken und zugleich diese neuen Prinzipien vorzuleben. Die militärischen Erfolge dieses Freicorps des preußischen Majors Lützows waren nicht sehr groß, der Hauptteil des Ruhms ist den Dichtungen von Theodor Körner zu verdanken, der als Angehöriger dieses Corps fiel.

Für die Weiterentwicklung des studentischen Empfindens aber war das Lützowsche Corps von überragender Bedeutung. Die zurückkehrenden Studenten hatten im Kriege ein anderes Ideal in ihrem Empfinden reifen lassen als das, als frohe Studenten das Leben zu genießen. Der Ernst des Lebens und das Erlebnis des Todes hatte sie entzaubert von den Fesseln unedler, fixer Ideen und einem falschen Ehrbegriff. Die Rückkehr dieser Studenten mußte an den Universitäten zu Veränderungen führen. Dazu kam die neue Geistesströmung der Romantik, die das neue Denken und Empfinden förderte. An der Universität Jena – nach dem Urteil von Frau von Stael "im Geist der Freiheit und Gleichheit allen anderen voran..." bildete sich am 12. Juni 1815 eine "Burschenschaft" die heute allgemein als "Urburschenschaft" bezeichnet wird. Im allgemeinen Teil der Verfassungsurkunde heißt es "... Erhoben von dem Gedanken an ein gemeinsames Vaterland, durchdrungen von der heiligen Pflicht, die vorige Ehre und Herrlichkeit unseres Volkes wiederzugründen, und es so für immer gegen die schrecklichste aller Gefahren, gegen fremde Unterjochung und Despotenzwang zu schützen, ist ein Teil der Studenten in Jena an untergesetztem Tag zusammengetreten und hat sich beredet, eine Verbindung unter dem Namen einer Burschenschaft zu gründen..." Sie gab sich die Losung: Deutschtum und Christentum; verschiedene Landsmannschaften traten ihr sofort bei, die anderen lösten sich binnen Jahresfrist auf. Die Farben der Urburschenschaft waren – abgeleitet von den Waffenröcken des Freicorps – schwarz und rot, mit Gold bestickt, die Schärpen Gold durchwirkt.

Dies ist der Ursprung des burschenschaftlichen Symbols Schwarz Rot Gold, die Wahl fiel leicht, da Jahn ohnehin immer seinen schwarzen Waffenrock mit Aufschlägen von rotem Samt und mit Eichenblattverzierung in Gold trug. Daraus entwickelte sich später die Burschentracht.
Die neuen Ideen verbreiteten sich rasch über alle Hochschulen; am 11. August 1817 ließ Jena Sendschreiben an alle Hochschulen abgehen mit einer Einladung für die am 18. Oktober 1817 angesetzten ersten Vereinigung aller deutschen Studenten auf der Wartburg. Der Gedanke zündete überall – zumal dieser Termin gleichzeitig der 3. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig und der 300. Jahres- tag der Reformation war.
Genehmigt vom Großherzog von Weimar – der sogar das Holz für das Siegesfeuer und eine größere Geldsumme gespendet hatte – zog am Morgen des 18. Oktober 1817 ein langer Zug von 500 Studenten aus allen Gauen Deutschlands von Eisenach aus zur Wartburg hinauf (die Gesamtstudentenzahl Deutschlands war damals etwa 8000). "Die meisten waren schwarz gekleidet, ihr Haupt mit Eichenlaub vom nahen Berge geschmückt. Die gottesdienstliche Feier auf der Wartburg eröffnete der Gesang des gewaltigen Liedes "Ein feste Burg ist unser Gott". Die Festrede hielt der Jenenser Theologe Riemann, zugleich Träger des eisernen Kreuzes."

Nach dem Gesang des Liedes: "Nun danket alle Gott" tafelten die Teilnehmer im Minnesängersaal und viele vaterländische christliche Festreden wurden von Professoren und Studenten noch gesprochen. Bei heranbrechender Nacht fand ein Fackelzug zum gegenüberliegenden Wartenberg statt und im Schein von18 Feuern hielt dort der Student L. Rödiger eine mitreißende Ansprache, die mit den Worten endete "... eins hat das deutsche Volk gewonnen: sein Selbstvertrauen – es will sich nicht wiederum wiegen lassen in den ehrlosen Schlaf, es kann nicht vergessen seine Schmach und sein jauchzendes, brüderliches Erwachen zum Kampf für Gott und seine Gerechtigkeit".
Später trat dann – spontan und ohne Wissen des Festausschusses, der Berliner Student Maßmann mit einigen Freunden hervor, um im Rahmen einer Satire als Höhepunkt unter Anspielung auf Luthers Verbrennung der Bannbulle symbolisch die Werke von mehreren antideutschen Schriftstellern – darunter auch von Kotzebue zu verbrennen – da diese sich "am deutschen Volk versündigt hätten". Auch ein hessischer Zopf und ein preußischer Gardisten-Schnürleib flogen ins Feuer, ebenso ein österreichischer Korporalsstock. Auch wenn dies von den Regierenden damals weit aufgebauscht wurde, so war das doch eine Demonstration gegen die herrschende Macht...

Am Tag nach dem Fest kamen die Studenten nochmals zusammen, um sich nach lebhafter Diskussion zu verbrüdern. Auf Vorschlag Rödigers besiegelten sie dann den Bund der Eintracht mit dem Empfang des Abendmahls.
Bleibende Bedeutung erhielt das Wartburgfest durch die 1817 ausgearbeiteten Grundsätze und Beschlüsse – zustandegekommen aufgrund der Anregung des Professors Heinrich Luden, der dazu mahnte "...,alles aufzubieten, um die Welt zu überzeugen, daß wir keine Revolutionäre seien, die mit dem Vaterland ein gefährliches oder verderbliches Spiel zu wagen geneigt seien".

35 Grundsätze wurden erhoben, die bei den Zeitgenossen erhebliches Aufsehen erregten und der Obrigkeit – insbesondere Fürst Metternich in Wien Anlaß waren, die Burschenschaft als vorbildliche "Demagogen" zu verfolgen: Die Forderung nach politischer, religiöser und wirtschaftlicher Einheit Deutschlands, nach einem Ausbau seiner Wehrkraft, nach der Entwicklung einer konstitutionellen Monarchie mit landesständischer Verfassung, Ministerverantwortlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, Öffentlichkeit der Rechtspflege, Einführung von Schwurgerichten, einem deutschen Gesetzbuch, Ersatz der Geheimpolizei durch Ordnungsorgane, Forderung nach Gemeindeverwaltungen, Schutz von Freiheit und Eigentum, Abschaffung der Geburtsvorrechte und der Leibeigenschaft, sowie die Forderung nach Rede- und Pressefreiheit. Die den Grundsätzen folgenden 12 Beschlüsse enthielten Richtlinien für die akademische Jugend selbst – hier bester Ausdruck des Bemühens der jungen Burschenschaft, den studentischen Standesdünkel abzubauen und im Sinne des Wahlspruchs: "Dem Biederen Ehre und Achtung" die Kluft zwischen den Gesellschaftsschichten abzubauen.

Innerhalb eines Jahres kam es unter dem Eindruck des Wartburgfestes an 14 Universitäten zur Gründung von Burschenschaften und – da die Weimarsche Regierung unter Druck Metternichs die Wiederholung des Wartburgfestes im Jahr 1818 nicht gestattete, wurde auf einem Burschentag zu Ostern 1818 beschlossen, am 18. Oktober 1818 in Jena die "allgemeine deutsche Burschenschaft" zu gründen – zur Verwirklichung der formulierten Ideen überall in Deutschland: In der Verfassungsurkunde liest sich dies so:

§1 Die allgemeine deutsche Burschenschaft ist die Vereinigung der gesamten wissenschaftlich auf der Hochschule sich bildenden deutschen Jugend zu einem Ganzen, gegründet auf dem Verhältnis der deutschen Jugend zur wer- denden Einheit des deutschen Volkes.

§2 Die allgemeine deutsche Burschenschaft als freies Gemeinwesen stellt als Mittelpunkt ihres Wirkens folgende Grundsätze auf: a) Einheit, Freiheit und Gleichheit aller Burschen untereinander, Gleichheit aller Rechte und Pflichten. b) Christlich deutsche Ausbildung jeder geistigen und leiblichen Kraft zum Dienste des Vaterlandes. Als Wahlspruch wurde erkoren: Freiheit, Ehre, Vaterland, später in Leipzig modifiziert zu Gott, Freiheit, Ehre, Vaterland. In ganz Deutschland sollte nur eine Burschenschaft sein ",Die Aufhebung aller Entfremdung der Stämme und Staaten, der Scheidung von Nord und Süd, des katholischen und protestantischen Zwiespalts, ein Vorbild für die Zukunft des Vaterlandes" nannte der später weitbekannte Burschenschafter Hase die Krone des Bundes. Nach der Gründung der Burschenschaft war es erstmals möglich, mit Frauen und Töchtern Feste der Studentenschaft zu besuchen, was früher wegen der herrschenden Zustände unmöglich gewesen wäre. Die Trias von nationalen, religiösen und sittlich-sozialen Grundsätzen prägten das ideologische Bild Freiheit des Geistes, ungestörte Bewegung und Regung, ungefesselte Selbstentwicklung und Selbständigkeit der eigentümlichen Charaktere, aber ausgerichtet in der Entwicklung zum "ganzen Menschen" an den obigen Grundsätzen. Darum wurde mit dem Pennalismus aufgeräumt und allen Mitgliedern gleiches Recht zugesichert, daraus kam das trauliche "Du". Das Turnwesen – durch die Bemühungen Jahns in den deutschen Städten eingebürgert – nahm die Burschenschaft voll in sich auf. Körperliche Ertüchtigung und Fechtwesen standen gleichberechtigt nebeneinander, das Duell war unter den Mitgliedern der Burschenschaft nicht gestattet und nach außen auch durch Ehrengerichte eingeschränkt, Nicht-Burschenschaftern gegenüber aber als letztes Mittel anerkannt. In sexueller Hinsicht bekämpfte man die allgemeinen Ausschweifungen und forderte Enthaltsamkeit – dieser Grundsatz wurde später als "Keuschheitsprinzip" in die Statuten der Uttenruthia übernommen. Die soziale Einstellung kam in der völligen Gleichwertigkeit aller Studenten ohne Rücksicht auf landsmannschaftliche Grenzen, auf Herkunft oder Abstammung zum Ausdruck. Diese Vielzahl von für damalige Verhältnisse revolutionären Neuerungen forderte auch neue Organisationsformen. Sie dokumentierten das demokratische Prinzip in den allgemeinen Wahlen für alle Funktionen und der Abstimmung über alle wesentlichen Fragen. Als Spiegelbild der erstrebten deutschen Einheit sollte es an jeder Universität zunächst nur "eine deutsche Burschenschaft" geben, wegen der großen Mitgliederzahl entschloß man sich später aber doch, Namen zu geben. Die Erlanger Urburschenschaft erhielt den Namen Arminia – deren Zirkel ziert heute noch die Rückseite der Adlerfahne der Uttenruthia. Der hoffnungsvollen Entwicklung gab eine unselige Tat den Todesstoß: Die Reaktion – allen voran Metternich – beäugte argwöhnisch die Ausbreitung dieses republikanischen Gedankengutes in der Burschenschaft. Willkommener Anlaß war dann ein Attentat, das einer der Gründer der Erlanger Urburschenschaft, der Theologiestudent Karl Ludwig Sand aus Wunsiedel, verübte. Sand (1795-1820) war beim Wartburgfest einer der vier Fahnenbegleiter gewesen, hatte sich auf der Wartburg bei den Grundsatzformulierungen hervorgetan und bereits 1817 mit einem Kreis Gleichgesinnter auf dem Burgberg oberhalb der Windmühle – dem sogenannten Rütli – im Oktober 1817 die Erlanger Urburschenschaft – die Arminia – gegründet. Einer seiner Mitbegründer war Georg Friedrich Puchta, Erlanger Universitätsprofessor für Römisches Recht. Sand war – einzig auf moralische Auszeichnung hin erzogen – Gefolgsmann des revolutionären Karl Follenius geworden, der unter dem Namen der "Unbedingten" oder "Schwarzen" eine beschränkte Zahl von Studenten um sich gesammelt hatte, und kurz vor der Tat aus der Erlanger Urburschenschaft Arminia ausgetreten. Am 23. März 1819 erstach in Mannheim Sand den in russischem Dienst stehenden Staatsrat und Dichter August von Kotzebue, der heftig gegen die Burschenschaft und das Universitätswesen polemisierte. Vielleicht hatte die damalige Bücherverbrennung 1817 Kotzebue in seinen Augen zum Verräter gestempelt. Nach der Tat unternahm Sand einen erfolglosen Selbstmordversuch und wurde dann am 20. Mai 1820 hingerichtet. Dieses Attentat war für Metternich willkommener Anlaß zum Einschreiten. Obwohl der Burschenschaft selbst nichts nachgewiesen werden konnte und der Berg von Untersuchungsakten eine Maus gebar, wurden die schärfsten Maßnahmen zur Beschränkung der akademischen Freiheit ergriffen. Es war umsonst, daß der Sachsen-Weimarsche Gesandte in der Versammlung des Bundestages einen Protest zu Protokoll gab, in dem er an die Verdienste der studentischen Jugend um die Befreiung Deutschlands erinnerte: "... beklagen muß man den bösen Willen und die Unvorsichtigkeit derer, welche allerlei vorlaute Äußerungen der akademischen Jugend über politische Gegenstände derselben zuerst angedichtet; welche deshalb mit einer großen Wichtigkeit gegen sie gesprochen haben und vielleicht dadurch den Keim des Unrechts unter sie gebracht haben. Als diese edle Jugend 1813 auf Deutschlands Hochschulen aufstand, als sie eilte, teilzunehmen am Kampfe für Freiheit, Ehre, Sitte und Sprache des Vaterlandes, da wurde sie mit offenen Armen empfangen, da sah man in ihr keine Kinder, sondern Männer... Als sie zurückkehrte aus dem Kampfe da konnte ihr nicht sofort das laute, sonst nur dem Manne geziemendes Sprechen und Schreiben über die Güter untersagt werden, für die sie geblutet hatte..." Die große Mehrzahl der Regierungen dachte anders, eine günstigere Gelegenheit, der verhaßten burschenschaftlichen Bewegung zu Leibe zu rücken, kam woh1 so schnell nicht wieder – und so bereiteten sich die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse vom 20. September 1819 vor, welche die Gesetze gegen nicht autorisierte Verbindungen in ihrer ganzen Kraft und Strenge aufrecht erhielten und auf die Burschenschaft umso bestimmter ausgedehnt wurden. "... als diesem Verein die schlechterdings unzulässige Voraussetzung einer fortdauernden Gemeinschaft und Korrespondenz zwischen den verschiedenen Universitäten zugrunde liegt..." Eine Art "Radikalenerlaß" von 1819: ... "Die Regierungen einigen sich darüber, daß Individuen, die nach Bekanntmachung des gegenwärtigen Beschlußes erweislich in geheimen oder nicht autorisierenden Verbindungen geblieben oder in solche getreten sind, bei keinem öffentlichen Amte zugelassen werden sollen..." Die Burschenschaft wurde also aufgelöst. Von Binzer, einem ihrer Mitglieder, stammt als wohl treffender Ausdruck der allgemeinen Stimmung dieses – aus diesem Anlaß gedichtete Lied:

Wir hatten gebauet
Ein stattliches Haus
Und drin auf Gott vertrauet
Trotz Wetter, Sturm und Graus.

Wir lebten so traulich,
So einig, so frei;
Den Schlechten ward es graulich;
Wir lebten gar zu treu.

Sie 1ugten, sie suchten
Nach Trug und Verrath,
Verleumdeten, verfluchten
Die junge, grüne Saat.

Was Gott in uns legte,
Die Welt hat's veracht';
Die Einigkeit erregte
Bei Guten selbst Verdacht.

Man schalt es Verbrechen,
Man täuschte sich sehr;
Die Form kann man zerbrechen,
Die Liebe nimmermehr.

Die Form ist zerbrochen
Von aussen herein;
Doch was man drin gerochen,
War eitel Dunst und Schein.

Das Band ist zerschnitten,
War schwarz, roth und Gold,
Und Gott hat es gelitten,
Wer weis, was er gewollt.

Das Haus mag zerfallen –
Was hat's denn für Not?
Der Geist lebt in uns Allen,
Und unsre Burg ist Gott!

So wurde eine Bewegung gewaltsam erstickt – die in ihrer weitübergreifenden Konstruktion durch gegenseitiges Wachsen und Abschleifen in der kurzen Zeit von ein paar Jahren eine tiefgreifende sittliche Verwandlung eines großen Teils der akademischen Jugend zuwege brachte und die – unter verständigen Schutz genommen – für Deutschland eine große politische Bedeutung hätte gewinnen können. So aber lebte sie nur im Verborgenen fort – es fehlte der Kontakt zu den anderen Universitäten, das Abschleifen und das Ausrichten am großen Ziel ging verloren. Auch die Erlanger Urburschenschaft Arminia lebte weiter – aus dem Zwist ums Duell spaltete sich 1827 von ihr die heutige Burschenschaft Germania ab – bis 1832, als sie in den Nachwehen des Hambacher Festes und den Folgenachforschungen des Frankfurter "Wachensturms" gezwungen war, sich offiziell und auch formal vereinsrechtlich aufzulösen. Diese formelle Auflösung der Erlanger Urburschenschaft Arminia geschah am 9. Mai 1833 in Bubenreuth – im "Salettle" der heutigen Mörsbergei in Bubenreuth. Dieser Tag des Abschieds barg schon wieder den Keim eines neuen – spezifischen Anfangs – etwas spezifisch Erlangerisches: Diejenigen, die damals beschlossen, sich seither immer 1ose zu treffen, und so den fortschrittlichen und freisinnigen Geist der Verbindung weiterzutragen, gaben sich und ihrem Kreis den Namen des Vorortes von Erlangen, in dem diese Versammlung ablief – sie gaben sich den Decknamen Bubenreuther, zunächst ohne Band und Mütze, bis schließlich die Bubenruthia mit ihren Farben zum Universitätsjubiläum von 1843 erstmals wieder offiziell in Erscheinung trat. Ein anderer Kreis der ehemaligen Arminia-Mitglieder, die pietistisch sittlich ausgerichteten, hatte sich als "Kränzchen" in Uttenreuth konstituiert – (Missionskränzchen, wie Ebrard in seinen "Lebensführungen" auf Seite 252 jenes abschätzig spöttelnd tituliert.) und erhielt – ebenfalls Erlangentypisch – nach dem Tagungsort im Jahre 1843 durch ministerielle Anweisung den Namen – Uttenreuther – sie, die ursprünglich nur "der Verein" – eine Gesellschaft ohne Namen, Abzeichen und Statuten hatte sein wollen...

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